Die Geister, die ich rief...

Am 10.1.2009 lud der Publizist Jürgen Elsässer in die Kreuzberger Kneipe Max & Moritz, um dort seine Thesen zur Finanzkrise zu präsentieren und für die Gründung einer »Volksinitiative gegen Finanzkapital« zu werben. Ungefragt rief auch die NPD zur Veranstaltung auf, was bei der inhaltlichen Ausrichtung der Initiative jedoch nicht verwundern darf.

Nach Elsässer ist die derzeitige Finanzkrise kein systemimmanenter Fehler des Kapitalismus, vielmehr handele es sich um einen »bewussten Angriff des anglo-amerikanischen Finanzkapitals«. Dieses sei in »allen Staaten« eng mit dem »Bankkapital« verbunden.
Wer auf den Zug der Querfront aufspringt, landet ganz schnell auf dem politischen Abstellgleis
»Industrie- und Bankkapital« stünden in einem »zunehmendem Widerspruch« zueinander, weshalb es um den »Aufbau einer Volksfront« gehen müsse, »die das national (...) orientierte Industriekapital einschließt«.

Bürgerlicher Diskurs

Grundsätzlich kann hier zwar von gewöhnlichem Standortnationalismus mit kapitalismuskritischem Anstrich gesprochen werden. Als Reaktion auf die Finanzkrise war ähnliches auch aus den bürgerlichen Parteien bis hin zu FDP und CDU zu vernehmen. In der Form allerdings, wie Elsässer diese Inhalte präsentiert, bietet er Neonazis eine offene Flanke für ihre antisemitische Propaganda.
Dass nämlich auch Nazis die Weltwirtschaft seit jeher als gesteuerten Prozess zu erkennen glauben, der Krisen bewusst herbei führt und zudem die charakteristische Trennung von raffendem Bank- und schaffendem Industriekapital vornehmen, sollte Elsässer aufgrund seiner »antideutschen« Vergangenheit wissen.
Gerade deswegen verwundert es, dass Elsässer etwa den Terminus »anglo-amerikanische Finanzaristokratie« benutzt, der bei Neonazis als Synonym für »jüdische Weltfinanz« gilt. Nicht, dass er mit seiner Volksfront ein Bündnis bis hin zur NPD angestrebt hätte. Gegenüber dieser hat er sich zu Anfang der Veranstaltung deutlich abgegrenzt. Viel wahrscheinlicher hat er gezielt in tiefbraunen Gewässern gefischt, um für seine Volksinitiative neue Anhänger an Land zu ziehen.

Stammtisch Parolen

Elsässer zielt nicht das erste Mal auf rechte Ressentiments. In einem Artikel in der Tageszeitung junge Welt – die ihn danach vor die Tür setzte – kritisierte er den Sozialabbau, stellte ihm aber nicht etwa Kriegsausgaben oder Steuergeschenke für Superreiche gegenüber, sondern die staatliche Subvention von »Multikulti, Gendermainstreaming und (...) schwule(r) Subkultur«. In der Wochenzeitung Freitag nahm er später Lafontaines Polemik gegen »Fremdarbeiter« in Schutz und bezeichnete Migranten als »Waffe gegen das inländische Proletariat«. Schon damals gab es Beifall aus der rechten Ecke.
Es war also abzusehen, dass sich ein gutes Dutzend (zum Teil bekannte) Neonazis unter den 120 Gästen der Veranstaltung befinden sollten. Hatte doch selbst der stellvertretende Bundesvorsitzende der NPD Holger Apfel die Initiative begrüßt und »konstruktive Begleitung« seiner Partei versichert.
Eine handvoll Antifas ließ es sich dann auch nicht nehmen, auf die provokante Anwesenheit von Neonazis in Kreuzberg zu reagieren. Sie drang nach dem Ende der Diskussion in das Lokal ein und lieferte sich eine Saalschlacht mit den Rechten, die auch der verurteilte Holocaustleugner Gerd Walther nicht unverletzt überstand.

Zurück auf Los

In der Folge wurde der Volksinitiative eine äußerst intensive, mediale Aufmerksamkeit zu Teil. Und diese wiederum führte dazu, dass Jürgen Elsässers Autorenvertrag mit dem Neuen Deutschland aufgekündigt wurde. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ruderte der nun arbeitslose Publizist zurück und gestand ein, durch »eine unzuverlässige Verkürzung des Sachverhalts« die falschen Leute »angelockt« zu haben.