»Letzlich die gleichen Personalisierungsstories«

Seit September ist die Verfilmung von Stefan Austs Bestseller »Der Baader Meinhof Komplex « im Kino zu sehen. Der Film stellt den pop-kulturellen Höhepunkt eines Diskurses zur RAF dar, der im letzten Jahr mit unzähligen Dokumentationen und Veröffentlichungen zum 30-jährigen Jubiläum des »Deutschen Herbstes« losgetreten wurde. Über den RAF-Hype sprach der Antiberliner mit Hanno Balz, Kulturwissenschaftler und Historiker in Bremen.

Die durch den Film vorgenommene Darstellung der RAF schwankt zwischen Mythos und Pathologisierung. Werden sich Baader und Ensslin als deutsche Bonny & Clyde oder vielmehr als antidemokratischer Alptraum im kulturellen Gedächtnis der deutschen Mehrheitsbevölkerung festsetzen?
Wenn du vom kulturellen Gedächtnis sprichst, dann triffst du es schon ganz gut mit Bonny & Clyde, die Story von der RAF hat sich ja inzwischen mehr oder weniger als Kanon einer Räuberpistole etabliert.
Hanno Balz ist Kulturwissenschaftler
Ob dabei auch tatsächlich von einem wirkungsmächtigen Feindbild der gewalttätigen Antidemokraten gesprochen werden kann, wage ich etwas zu bezweifeln. Denn für die meisten Leuten hier, ist das eine Geschichte von gestern, aus der inzwischen Millionen Jahre entfernt scheinenden, schnarchigen Bonner Republik. Die politischen Umstände und Beweggründe für eine Stadtguerilla sind ja außerhalb der linken Szene kaum jemandem mehr bekannt,weil diese gerade nicht Gegenstand der mystifizierenden Abrechnung in den Medien sind. Natürlich ist der damalige bewaffnete Kampf inzwischen auch mehrfach im öffentlichen Diskurs überdeckt worden - von einer neuen Welle asymetrischer Konflikte durch al Qaida und Co. und inzwischen mehreren veritablen »wars on terror«. Da müssen einem bei der Rückschau die etwa 40 Toten in 30 Jahren RAF doch weniger dramatisch vorkommen.
Welche gesellschaftliche Funktion erfüllt die Banalisierung der Geschichte der RAF, die durch die aktuelle Geschichtsschreibung vorgenommen wird?
Ich bezweifle, dass es bei der heutigen RAF-Debatte noch um eine wesentliche gesellschaftliche Funktion geht, denn eine ähnlich radikale Linke wie in den 70ern ist ja heute nirgends zu sehen. Natürlich ging es damals um eine Delegitimierung linker Politik, aber nicht nur dieser,sondern auch um eine Kampfansage gegenüber der Neuen Frauenbewegung. So wurde von den Frauen in der RAF beispielsweise behauptet, bei ihnen handele es sich um den »Exzess der Befreiung der Frau«. Generell gilt auch heute noch zum Teil, was damals galt: Der »Terrorismus«-Diskurs« spricht nicht unbedingt von denen, die er benennt. Heute wird die Niederlage der RAF gerne geschichtspolitisch eingebettet in die verbreitete Sicht einer »Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik « und dient so der großen Legitimationserzählung: Demnach wäre die RAF eine große Herausforderung gewesen, und man habe eben mal sehen können, wohin all der Protest 1967ff. führe (siehe Götz Aly), aber die noch junge und unsichere Bundesrepublik habe sich dieser Herausforderung gestellt und sie letztlich mit Bravour bestanden.
Das Problem am Film scheint also vor allem das zu sein, was er nicht zeigt. Welche Themen hättest du näher beleuchtet, wenn du Regisseur gewesen wärst?
Schwierige Frage. Will denn jemand einen Film sehen, in dem sich z.B. eine Stadtguerilla in langen Diskussionen der Kritik einer linken Szene stellt?
Andreas »Baby« Baader und Gudrun »Katze« Ensslin sorgen für Sex & Crime im Film
Generell denke ich, ist über die RAF schon soviel Fiktion hereingebrochen, dass man es auch mal dabei belassen kann.
Der neue Baader-Meinhof- Komplex Film hat immerhin einige Szenen, die ich so von ihm nicht erwartet hatte. Das wäre z.B. die detaillierte Darstellung der Polizeigewalt am 2. Juni 1967, wobei natürlich jemand wie Kurras, der Benno Ohnesorg erschoss, dabei zu gut wegkommt. Außerdem werden auch andere Polizei-Übergriffe gezeigt, z.B. nach der Festnahme von Holger Meins und auch der Transport des schwerverletzten Siegfried Hausners von Stockholm nach Stammheim, wo er kurz darauf starb. Trotz alledem: Letztlich die gleichen Personalisierungsstories, Sex & Crime und die üblichen denunziatorischen Abrechnungen.
Dein Buch »Von Terroristen, Sympathisanten und dem starken Staat« handelt von der öffentlichen Debatte zur RAF in den 70’er Jahren. Worum ging es damals?
Es ging um eine Selbstverständigung eigener Werte und letztlich um eine Gesellschaftsformierung aus der Abgrenzung heraus. Sie isolierte die ganze radikale Linke, aber auch ein kritisch-liberales Bürgertum,das sich doch nun bitte mal wieder etwas zurückhalten solle.
Eine entscheidende Wirkung erzielten die Medien bei der diskursiven Erzeugung von Unsicherheiten. In spekulativen und mobilisierenden Zeitungsartikeln und Schlagzeilen wurde damals, vor allem natürlich in BILD, über Jahre hinweg eine furchterregende Stimmung aufgebaut, da die Aktionen der RAF angeblich »uns alle« bedrohen würden.
Siehst du Parallelen zur öffentlichen Darstellung des islamistischen Terrorismus nach dem 11. September?
Prinzipiell ja. Das, was ich eben schon Gesellschaftsformierung durch Abgrenzung genannt habe, trifft hier in einem anderen Maßstab auch zu. War es damals die innere Formierung einer Gesellschaft, gilt das Ganze nun als globaler Kulturkampf um die Werte »des Westens« gegenüber einer angeblich »islamischen Bedrohung«. Auch hier stellt sich wieder die Frage, ob mit dem Gerede über den »islamistischen Terrorismus« nicht eigentlich auch viel mehr gemeint ist als ein paar al-Qaida Kämpfer. Vielmehr scheint es hier doch um fundamentale Fragen von (De-)Integrationspolitik nach Innen und imperialistischer Intervention nach Außen zu gehen. Und in welchen größeren Konflikten ging es auf der Propaganda-Ebene nicht auch um den jeweiligen »Terrorismus « der anderen?