»Der Kampf findet ohne ihr System statt«

Mit ihrem Song »La rage« sprach die Rapperin Keny Arkana aus Marseille vielen aus dem Herzen. Am 1. Mai 2008 rappte sie erstmalig auch in Berlin. Der Antiberliner ergatterte ein Exklusivinterview mit ihr.

Du gehörst zu den wenigen politischen Rapperinnen. Was war deine Motivation mit Hiphop anzufangen?
Als ich angefangen habe Texte zu schreiben, war ich dreizehn Jahre alt. Ich war in einem Heim und Schreiben war meine Art damit umzugehen und einen Ausweg zu finden. Und es war auch meine kleine Rebellion gegenüber den Heimbetreuern, die ich damit nerven konnte.
In Deinen Texten sprichst Du Dinge an, die Dir in der globalisierten Welt nicht gefallen. Welche Rolle kann Musik einnehmen?
Ich glaube nicht, dass man mit Musik die Politik verändern kann. Wichtiger ist, mit der Musik die Menschen zu erreichen und ihnen zu zeigen, wie die Welt beschaffen ist, in der sie leben.
Keny Arkana, 2008
In den Vorstädten bei uns zum Beispiel sind die Leute unzufrieden und wütend, aber sie wissen nicht, warum, gegen wen und gegen was genau. Deshalb versuche ich, bestimmte Ideen und Informationen rüber zu bringen. Heute haben Künstler mehr als Andere diese Möglichkeit. Die meisten der offiziellen Medien sind manipuliert, sie spielen eben das Spiel der Politik mit.
Du forderst in deinen Songs revolutionäre Veränderungen...
Ich glaube weder an Parteien noch an Gewerkschaften, das ist alles vom Prinzip her hierarchisch von oben nach unten strukturiert, und die Leute veröden. Für mich heißt Veränderung, es anders zu machen. Auch wenn es schwieriger ist und länger dauert, sich horizontal zu organisieren, ist es das, was man versuchen und wagen muss.
Heute ist die Politik nicht mehr national, sie ist global geworden, und zwar stark hierarchisch, genau wie ihre Parteien, ihre Gewerkschaften. Sie sind dazu da, dass wir unseren Frust abladen können und die Illusion haben, Teil eines Kampfes zu sein. Aber für mich findet der Kampf heute ohne ihr System statt, wir organisieren uns selber, auf lokaler Ebene und vernetzen uns miteinander. Es ist wichtig, dass sich die Leute versammeln, in einer Zeit, in der man uns stark voneinander trennt, uns stark individualisiert.
Wie sollte für dich Widerstand aussehen? In deinem Album »désobéissance« rufst du zu zivilem Ungehorsam auf.
Mit dem Gehorsam und dem Ungehorsam ist das so: Das System beeinflusst jeden und bringt dir schon Gehorsam bei, wenn du noch ein ganz kleines Kind bist. Sie bringen dir bei, dass alles hierarchisch funktioniert, dass man seinem Chef gehorchen muss und so weiter. Das ist eigentlich ein Prozess der Auflösung von Verantwortungsbewußtsein. Bei uns in Frankreich gibt es seit Sarkozy eine große Jagd auf die sans papiers. Und zum Beispiel gab es hier immer wieder Piloten, die sich geweigert haben, das Flugzeug zu fliegen um die Leute abzuschieben, weil sie eben dagegen waren. Für mich bedeutet Ungehorsam also schon auf der persönlichen Ebene zu lernen, wie man anfängt selbständig zu denken.