Olympische Disziplin 1936

Vom 1. bis zum 16. August 1936 wurden die IX. Olympischen Sommerspiele in Berlin ausgetragen. Mit 49 teilnehmenden Nationen und 3961 Athleten stellten sie einen neuen Teilnehmerrekord auf. Zugleich waren sie ein vorläufiger Höhepunkt nationalsozialistischer Propagandainszenierung.

Für Deutschland, das Angreifer und Verlierer des Ersten Weltkrieges war, bedeutete die Vergabe der Spiele nach Berlin eine Chance, sich als wieder erstarkte Nation präsentieren zu können. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten war jedoch zunächst unsicher, ob die Spiele stattfinden konnten.

Teil der Nazi-Propagandamaschine, das Olympiastadion in Berlin
Doch angesichts der propagandistischen Möglichkeiten, die eine erfolgreiche Durchführung der Spiele bieten würde, betonte Adolf Hitler, die Spiele so vollkommen wie möglich zu gestalten.

Boykottversuche

Um die verschiedenen Aktivitäten gegen die Austragung der Nazispiele zu koordinieren, gründete sich 1935 in Paris ein internationales Boykottkomitee: »Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren? Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt.«, so Heinrich Mann bei der Konferenz zur Verteidigung der Olympischen Idee am 6. und 7. Juni 1936 in Paris.

Wohlwollen des IOC

Doch konnte sich die deutsche Regierung auf das Wohlwollen des IOC verlassen und garantierte einen freien Zugang »für alle Rassen und Konfessionen« in die Olympiamannschaften, um den Boykottbestrebungen entgegenzutreten. Die Rechnung ging auf. Der Schein sollte auch breitenwirksam aufrechterhalten werden: Wenige Wochen vor Eröffnung der Spiele wurde die deutsche Bevölkerung aufgerufen, durch besonders zuvorkommendes Verhalten gegenüber den Gästen der Olympischen Spiele »alle Vorurteile gegenüber dem deutschen Volk aus der Welt zu schaffen«. Um die internationalen Gäste über die Diskriminierung und Verfolgung der Juden in Deutschland zu täuschen, wurde die Entfernung aller Schilder mit der Aufschrift »Juden unerwünscht« veranlasst. Für die Zeit der Spiele wurde der SA verboten, antisemitische Pogrome zu veranstalten und das Naziorgan Der Stürmer wurde unter Zensur gestellt.

Ästhetisches Kunstwerk

Mit den Olympischen Spielen konnte das von der NS-Ideologie geforderte »Heranzüchten kerngesunder Körper« für einen gesunden »Volkskörper« im Hinblick auf Wehrertüchtigung und Kriegseinsatz auf breiter Basis propagiert werden. Militarismus und Sport wurden zu einem ästhetischen Gesamtkunstwerk verschmolzen, bedienten euphorische Massenhysterie und ließen sich langfristig nutzen, indem sie wirksames Bild- und Filmmaterial produzierten, wie man in den Olympiafilmen von Leni Riefenstahl beobachten kann. Daneben war die Gelegenheit, mit diversen Baumaßnahmen wie dem Olympiastadion der ökonomischen Rezession zu begegnen, die Arbeitslosenzahl zu verringern und auf diese Weise die Popularität der Regierung zu steigern, ein weiteres Motiv der Naziführung.
Während die NS-Propaganda das »Weltfriedensfest« feierte, entstand nahe Berlin zeitgleich das Konzentrationslager Sachsenhausen. Doch die Propaganda funktionierte offensichtlich – die meisten Gäste und Funktionäre sahen während der Olympischen Spiele nur das, was sie sehen sollten, nämlich ein perfekt durchgeführtes Massenspektakel nationalsozialistischer Propaganda.