Romantische Verklärung

Das Bild des »alten Tibet«, wie es, verbreitet über unzählige Bücher und Schriften, heute im Westen geläufig ist, zeigt das eines Paradieses auf Erden – des mythischen Shangri-La –, das den Menschen ein glückliches und zufriedenes Leben in Einklang mit sich selbst, der Natur und den Göttern zu führen erlaubt habe. Mit der Besetzung Tibets durch die Chinesen im Jahre 1950 sei dieses Paradies unwiederbringlich zerstört worden.

Die moderne Geschichtsschreibung weiß längst, dass das »alte Tibet« keineswegs die »friedvolle und harmonische Gesellschaft« darstellte, die der Dalai Lama und seine westlichen Anhänger ständig beschwören. Für die grosse Masse der Bevölkerung bedeutete das Leben tatsächlich jene »Hölle auf Erden«, die zu beenden die chinesische Volksbefreiungsarmee als revolutionäre Verpflichtung und legitimen Grund ansah für den Einmarsch von 1950.

Paradies auf Erden

Die herrschende Mönchselite beutete Land und Menschen mit Hilfe eines weitverzweigten Netzes an Klostereinrichtungen und monastischen Zwingburgen gnadenlos aus. Bitterste Armut und Hunger durchherrschten den Alltag in Tibet. Die überwiegende Mehrzahl der Menschen lebte unter indiskutablen Bedingungen, ihre Behausungen und ihre Ernährung waren katastrophal.
Steuer-, Fron- und Abgabenlasten drückten sie unter die Möglichkeit menschenwürdiger Existenz. Schuldknechtschaft und Sklaverei war im »alten Tibet« gang und gäbe.
Lieblingsgelbmütze von Merkel & Co.
Es gab außerhalb der Klöster keine Schulen und keinerlei Gesundheitsversorgung; die Säuglingssterblichkeit lag bei fast 50 Prozent, die mittlere Lebenserwartung Erwachsener bei 35 Jahren.
Privilegierte beziehungsweise benachteiligte Lebensumstände wurden erklärt und gerechtfertigt durch die buddhistische Karmalehre, derzufolge das gegenwärtige Leben sich als Ergebnis angesammelten Verdienstes respektive aufgehäufter Schuld frührerer Leben darstelle. Das Strafrecht des Priesterstaates zeichnete sich durch Willkür und unglaubliche Grausamkeit aus. Unbotmäßigen wurde bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen, bei leichteren Vergehen stach man ihnen die Augen aus oder hackte ihnen die Hände ab. Jedes Kloster verfügte über eine eigene Folterkammer.
Der Dalai Lama räumt neuerdings ein, das feudale Tibet sei »sicherlich nicht vollkommen« gewesen. Damit hat's sich aber an Selbstkritik. Die elenden Lebensbedingungen der Masse des Volkes unter dem Joch des Mönchsregimes blendet er komplett aus. Wortreich beschönigt er diese Zustände und nährt damit die romantische West-Verklärung des alten Tibet.

Sekte der Gelbmützen

Diese verklärende Sicht basiert wesentlich auf Unkenntnis der historischen Gegebenheiten. Der theokratische Feudalismus Tibets bestand in seiner bis 1950 herrschenden Form seit Mitte des 17. Jahrhunderts, als es der militanten »Gelbmützen-Sekte« mit Hilfe der Mongolen gelang, sämtliche innenpolitischen Gegner auszuschalten. Der seinerzeitige Anführer der Gelbmützen, bekannt als der »Grosse Fünfte Dalai Lama«, erklärte sich in der Folge zur höchsten geistlichen und weltlichen Autorität des Landes. Obwohl Tibet 1720 dem Militärprotektorat der Mandschu zugeordnet wurde und ab 1793 vollends zum Vasallenstaat Chinas geworden war, behielt das Regime der Lamas nach innen uneingeschränkte Macht.
Der chinesische Einmarsch in Tibet von 1950 gründet mithin in eben diesem geschichtlich hergeleiteten – und sozusagen aus dem Kaiserreich ererbten – Selbstverständnis der Volksrepublik China. Aus der Sicht Beijings galt und gilt Tibet seit je und spätestens seit 1720 als untrennbarer Bestandteil des chinesischen Territoriums.

Propaganda des Dalai Lama

Die im Zuge der Kulturrevolution in den 1960er Jahren von der Volksbefreiungsarmee in Tibet verübten Gewalt- und Zerstörungsakte sind durch nichts zu rechtfertigen und zu entschuldigen. Dennoch ist den exiltibetischen Verlautbarungen
Protest gegen Besuch von Dalai Lama in Berlin, im Mai 2008
und denen der internationalen Tibet-Unterstützerszene prinzipiell nicht zu trauen: Sie sind, sofern sie nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, in der Regel heillos übertrieben oder beziehen sich auf längst nicht mehr aktuelles Geschehen. Die Behauptung des Dalai Lama, das »tägliche Leben der Tibeter im eigenen Land« sei bestimmt durch »Folter, psychischen Terror, Diskriminierung und totale Missachtung der Menschenwürde« ist reine Propaganda zur Sammlung von Sympathiepunkten beziehungsweise von Spendengeldern; solche Anwürfe spiegeln, ungeachtet notwendiger Kritik an der chinesischen Militärdiktatur, nicht die gegenwärtige Realität Tibets wider. Auch die Behauptung »kulturellen Genozids« durch »Überflutung des Landes mit chinesischen Siedlern« entspricht nicht den Tatsachen.
Der Dalai Lama war und ist demokratisch durch nichts legitimiert. Entgegen aller Propaganda kommt ihm heute allenfalls noch die Rolle eines geistlichen Oberhauptes jener Teile der tibetischen Bevölkerung zu, die sich zur Gelbmützensekte und zu ihm bekennen. Und das sind weitaus weniger Menschen, als er und seine westliche Anhängerschaft meinen oder großsprecherisch vorgeben; insbesondere sind es weit weniger, als die aus Mönchskreisen heraus inszenierten Krawalle im März dieses Jahres vermuten lassen. Für das Gros der ethnisch-tibetischen Bevölkerung inner- und außerhalb der Autonomen Region Tibet sind der Dalai Lama und seine im nordindischen Dharamsala ansässige »Exilregierung« völlig bedeutungslos. Colin Goldner

Colin Goldners Buch »Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs« erscheint im Juni 2008 in aktualisierter Neuauflage bei Alibri/Aschaffenburg

Vortrag von Goldner zum Dalai Lama: 4. Juli 2008, 19.30 Uhr, JW-Galerie, Torstraße 6 (Nähe Rosa-Luxemburg-Platz)