»Leider wurde bisher kein Flächenbrand ausgelöst«

Der Antiberliner sprach mit der Journalistin und Industriesoziologin Mag Wompel über die gegenwärtige Wirksamkeit von Arbeitskämpfen.

Derzeit kann mit dem Streik der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) einer der größten und medienwirksamsten Arbeitskämpfe in der BRD der jüngeren Vergangenheit beobachtet werden. Wie kann dieser Streik eingeschätzt werden?
Es ist eine sehr spannende und hoch symbolische Auseinandersetzung.
Kritikerin und überzeugte Kämpferin bei ver.di und LabourNet
Die breite Unterstützung aus linken Kreisen darf zwar nicht darüber hinwegtäuschen, dass es keinesfalls geklärt ist, ob bzw. inwieweit die GDL wirklich gegen die Privatisierung der Bahn ist und auch nicht, wie es um die innergewerkschaftliche Demokratie oder um die Öffnung dieser Gewerkschaft der Lokführer für andere, weniger einflussreiche Bahnbeschäftigte steht. Ganz sicher ist die GDL keine linke, geschweige revolutionäre Gewerkschaft. Und dennoch verdient sie unsere breite Unterstützung.
Lohndumping und Hungerlöhne haben wir bereits und immer mehr – trotz Einheitsgewerkschaften und Flächentarifen! Dies scheinen auch viele Gewerkschaftsmitglieder so zusehen, die momentan von Transnet und verdi zur GDL wechseln.
Neben dem Bahnstreik kam es zur Übernahme eines Fahrradwerkes durch die Belegschaft (strike-bike). Ein Präzedenzfall?
Ein Glücksfall, denn eigenproduzierte Opel-Autos oder AEG-Spülmaschinen hätten kaum einen solchen Erfolg haben können! Ein Glücksfall auch, weil die Besetzung und der Bau der Strike-Bikes eine breite Debatte innerhalb der Linken, nicht nur in den Gewerkschaften ausgelöst haben, auch über längst vergessene geschichtliche Fälle besetzter Fabriken und eigenproduzierter Waren.
Darüber – und den nicht einschätzbaren Gewinn an Selbstachtung bei den KollegInnen – hinaus hat sich nun der Fall für die Belegschaft leider als nicht viel anders geartet erwiesen, als bei Opel Bochum oder AEG Nürnberg: dort höhere Abfindung und Beschäftigungsgesellschaft als »Lohn« des Kampfes – in Nordhausen steht die Abfindung noch nicht mal fest.
Gate Gourmet und Bosch-Siemens Hausgeräte sind die Namen weiterer Betriebe die bestreikt wurden. Scheint es nur so, oder erleben wir eine neue Qualität der Organisierung?
Organisierung ist ein großes Wort, das zudem zeitliche Stabilität unterstellt. Reden wir also lieber von einer neuen Qualität der Arbeitskämpfe. Sie finden allerdings aus der Not heraus, mit dem Rücken zur Wand und in großer Angst vor Hartz-IV statt. Meist nach jahrelangen, wiederholten Verzichtserklärungen und der Enttäuschung heraus, dass diese nichts genützt haben. Und sie finden – entweder von Beginn an oder irgendwann im Verlauf - zwangsweise an den Gewerkschaften vorbei statt, entweder, weil ihre Verhandlungskünste nicht erfolgreich genug sind oder weil sie diese Arbeitskämpfe wenn schon nicht verhindern, so doch behindern wollen.
Glücksfall »Strike-Bike«, Auslöser für Debatten in Gewerkschaften und der Linken
Dies dürfte die angesprochene, aufkeimende neue Qualität ausmachen: dass die KollegInnen auch allein kämpfen, wenn der Betriebsrat oder die Gewerkschaft es nicht wollen. Auch dass sie anders kämpfen, v. a. versuchen, andere Belegschaften einzubeziehen. Leider ist es bisher nicht gelungen, Solidaritätskämpfe, geschweige einen »Flächenbrand« auszulösen und doch ist es weit mehr, als die bisherigen gewerkschaftlichen Aktivitäten, die aus Angst vor Kontrolleverlust lieber jede Bude für sich allein sterben lassen wollen.
Abgesehen von diesen expliziten Fällen, wie kann die Entwicklung der Arbeitskämpfe in der BRD und vielleicht auch im benachbarten Ausland generell eingeschätzt werden?
Wir erleben – national wie international – zunehmende Verzweiflung und Wut angesichts massiver Entlassungen und steigender Erwerbslosigkeit und somit schwindende Chancen, einen Ersatzarbeitsplatz zu finden. Die Wut bezieht sich auf die gleichzeitig explodierenden Gewinne, die angesichts der aktuellen Kräfteverhältnisse genauso wenig verschwiegen werden, wie die horrenden Managergehälter. Die Angst, abgehängt zu werden angesichts der steigenden, zunehmend internationalen Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und den sinkenden Löhnen, führt zu Kämpfen, die vor den ersten Verzichtsrunden hätten geführt werden müssen und sich immer noch um die Lohnabhängigkeit, nicht gegen sie drehen. Dennoch sind sie alle wichtig und erfordern breite, internationale Unterstützung.
Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es für Sympathisanten?
Immer mehr kommt betriebs- und gewerkschaftsexternen UnterstützerInnen der Kämpfe eine zentrale Rolle zu. In all den genannten Fällen bisheriger betrieblicher Kämpfe außerhalb der üblichen Tarifrituale der beruflichen Stellvertreter war die Rolle der jeweiligen Gewerkschaft als Unterstützer sehr kläglich bis bremsend. Es waren immer die UnterstützerInnen/ Sympathisanten, die für die Öffentlichkeit dieser Kämpfe und ihre breite, auch internationale Unterstützung durch Solidarität oder Proteste an den Arbeitgeber gesorgt, Spenden gesammelt, überbetriebliche und übergewerkschaftliche Kontakte organisiert und bei organisatorischen Fragen geholfen haben. Und schließlich: Angestellte eines Unternehmens dürfen und die gesetzestreuen GewerkschafterInnen wollen nicht die Tore einer besetzten Fabrik blockieren und/oder Streikbrecher aufhalten. Die betriebs- und gewerkschaftsexternen UnterstützerInnen können dies tun!
Was hältst du von der DGB-Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunde?
Natürlich ist es viel zu wenig, allerdings oft weit mehr, als diese Gewerkschaften als Tariflohn veredelt haben. Immerhin ist es ein Eingeständnis, dass die eigene, tarifliche Kraft nicht ausreicht. Meines Erachtens brauchen wir auch ein neues Arbeitszeitgesetz – tarifliche Verbesserungen sind ja in beiden Fällen nicht ausgeschlossen, sie erreichen aber einen immer geringeren Teil der arbeitenden Lohnabhängigen.